news vom 03.07.26

Arbeiten bis zum Burnout

Beide «fanden es cool, am Leistungslimit zu laufen». Roman Schneider kämpfte mit all seinen Ressourcen um den Familienbetrieb, und Michele Matt steckte seine ganze Kraft und Energie in den Auf- und Ausbau seines Startups, MyCamper. Beide bemerkten nicht den schleichenden Prozess und ignorierten die typischen Warnsignale. Bis sie das Burnout einholte: Die erfolgsverwöhnten Jungunternehmer mussten Niederlagen ein- bzw. zurückstecken und liessen sich von Coaches und Ärzten zur Selbsterkenntnis und "Heilung" führen. Sie schilderten ihre dramatischen Erlebnisse an der «Night of Failure» vom 18. Juni in der Schlosskapelle in Zwingen. Der Event wurde zum zweiten Mal initiiert vom Business Park Baselland sowie von der Promotion Laufental und moderiert von Karin Vollenweider. Prof. Dr. med. Jan Bonhoeffer, Arzt und Mitbegründer des «Heart Based Center», erläuterte die Stationen – von der gesunden Anpassung bis zur Dauerüberlastung – und die damit verbundenen Symptome und Beschwerden, die meist ohne ärztlichen Befund sind. Doch wie kann man Burnout rechtzeitig erkennen und wachsenden Stress richtig regulieren? Dazu lieferten der Experte und die beiden «Fallbeispiele» den rund 50 Teilnehmenden die wichtigsten Grundlagen.

«Burnout ist die Folge von chronischem Stress, der nicht bewältigt wurde, und meist im Zusammenhang mit der Arbeit steht.» Jan Bonhoeffer vergleicht dabei Körper (und Geist) mit einem «Dampfkochtopf: kurzer Druck mit Ablassventil ist kein Problem, Dauerdruck ohne Entlastung hingegen schon». Dazu nannte er drei typische Anzeichen: Erschöpfung, innere Distanz und Leistungsabfall.

Ängste, Panik und Zusammenbrüche

Und genau so beschrieben die beiden Jungunternehmer am Podium ihre Entwicklung vom Dauerstress bis hin zum Burnout und die damit verbundenen Symptome: Michele Matt schlief nachts nicht mehr durch, fühlte sich ständig müde und abgespannt, war rast- und gleichzeitig lustlos. So mochte er zuletzt keine Unternehmensentscheide mehr treffen. Dazu kamen Ängste (vor Tunneldurchfahrten, Flügen etc.). Auch Roman Schneider hatte Kopfschmerzen und Herzrasen, zog sich mehr und mehr zurück und erlitt am Ende mehrere Zusammenbrüche.

Doch wie kam es überhaupt soweit? Beide waren vom Ehrgeiz getrieben, starteten mit ihren Unternehmen durch und fanden es sogar «cool, am Leistungslimit zu laufen».
Als Vorbilder für ihre Teams kamen sie jeweils als Erste ins Büro und gingen als Letzte. Aus UnternehmerInnen-Familien stammend, suchten sie stets nach Anerkennung.

Totale Identifikation mit dem Geschäft

Roman Schneider hatte den Betrieb von seinen Eltern übernommen: «Ich wollte mich mit meinen Geschäftserfolgen auch vor ihnen beweisen.» Gleichzeitig spürte er den Dauerdruck, immer grössere Aufträge an Land zu ziehen. Michele Matt stand damals gerade vor dem internationalen Ausbau seiner florierenden Camper-Verleih-Plattform und war auf die Fusion seiner Firma (mit einem Unternehmen in Skandinavien) fokussiert.

«Totale Identifikation mit dem Geschäft, das den grössten Stellenwert einnimmt, und höchste Ansprüche an sich selbst bis hin zum Perfektionismus – die geschilderten Faktoren passen genau ins Burnout-Profil», bestätigte Jan Bonhoeffer.

Ständig in Action

Michele Matt bezeichnet heute Gründung und Aufbau von MyCamper als «Marathon». (Er ging tatsächlich täglich joggen.)
Als CEO führte Roman Schneider nicht nur 200 Mitarbeitende, sondern war Präsident im Gewerbeverein, in der Fasnachts-Clique, kandierte für den Landrat und trieb auch viel Sport.
Neben all ihren Engagements gründeten beide Unternehmer zu dieser Zeit ihre eigenen Familien und bekamen Nachwuchs. Kurz gesagt: Sie waren rund um die Uhr im Einsatz.

«Wie ein Auto, das im 3. Gang zu schnell fährt, habt ihr Raubbau am eigenen Körper getrieben und euch dabei ständig selbst betrogen – all dies passt ins Bild», bestätigte Jan Bonhoeffer: «Und es ist verd…t schwierig, sich das selbst (und erst recht Anderen gegenüber) einzugestehen…»
«Mir kann das nicht passieren», ist denn bei Burnout auch eine weit verbreitete Haltung und war auch die Überzeugung der beiden Podiumsteilnehmer. «Meine Ängste waren mir mega-peinlich», beschreibt Michele Matt seine damalige Angst vor Kontrollverlust.

Werte verschoben

Beide führten ein Leben im ständigen Arbeits- und Stress-Modus. Auch die Werte verschoben sich: «Ich bemerkte lange nicht, dass immer zuerst das Business kam und dann erst ich», so Roman Schneider.

Michele Matt belasteten zu der Zeit noch private Probleme wie der Tod der Grossmutter und Streit im Verwandtenkreis. Zudem forderte ihn das Kind daheim. Selbst in den Ferien konnte er sich nicht mehr entspannen. Er sehnte sich nach einem ruhigen Rückzugsort, nur für sich: «Doch niemand fragte mich: Wie geht es dir? Fühlst du dich geliebt?»
Meist sei er ja auch «gut drauf» und kommunikativ gewesen. Nur die engsten Angehörigen bemerkten zunehmende Veränderungen im Verhalten (wie Gereiztheit und Zynismus) und einen allmählichen Persönlichkeitswandel.
Auf der Urlaubsreise ins Tessin kam es schliesslich zu wiederholten Panikattacken…

Roman Schneider plagte zusätzlich seine Sorge um den von einem Auto angefahrenen Sohn. Und als die Firma langsam in die Krise rutschte, kämpfte er lange darum, ein «unfriendly Takeover» abzuwenden, verhandelte mit Kunden und steckte sein ganzes Erspartes ins Geschäft. Von der Daueranspannung erlitt er einen Nervenzusammenbruch und liess sich im weiteren Geschäftsprozess durch einen Coach begleiten. Dennoch wurde das Unternehmen verkauft und kam es zu Entlassungen. Nach dieser Niederlage brach er völlig zusammen…

Grosser Schaden für die Wirtschaft

Burnout kann ein wichtiger indirekter Risikofaktor für Unternehmensmisserfolg sein und kommt auch häufig in der Gründungszeit einer Firma vor. «Gemäss Studien kosten die mit solchen Belastungen verbundenen Arbeitsausfälle und Produktivitätsverluste die Schweizer Wirtschaft jährlich etwa 6,5 Milliarden Franken», warnte Jan Bonhoeffer am Anlass. Umso wichtiger sei es, sich bei den ersten Anzeichen Hilfe zu holen und im Team darüber zu sprechen.

Hilfe geholt...

Für die zwei Speaker endeten ihre dramatischen Geschichten noch mit einem «Happy End», weil sie rechtzeitig auf die (Not-)Bremse traten und ihre Ärzte sowie Experten beizogen.
Für Burnout-«Beschwerden» gibt es laut Bonhoeffer keine medizinische Diagnose. Doch beide wurden krankgeschrieben. Das Attest «Erschöpfungs-Depression» war wie eine Legitimation», endlich aus ihrem Hamsterrad auszutreten. Jeder liess sich für eine mehrmonatige Auszeit in eine (psychiatrische) Klinik überweisen.

«Für die meist sehr komplexen (da auch mit dem gesamten Umfeld der Betroffenen verbundenen) Burnout-Fälle gibt es nicht nur einen Lösungsansatz. Man sollte sich deshalb in die Hände einer «professionellen Fachklinik begeben, die mit spezialisierten Teams und in Netzwerken arbeitet», empfiehlt Jan Bonhoeffer.

... und «Scheitern» akzeptiert

In ihrem «Heilungsprozess» haben Michele Matt und Roman Schneider gelernt, ihr «Scheitern» zu akzeptieren und zu ihrer «Erkrankung» und den Ursachen zu stehen. Schliesslich begannen sie damit, ihre Werte anzupassen und starteten ein «neues» (für Körper und Seele) gesunderes Leben «in Balance». In ihren Therapien führten sie intensive, selbstreflektierende Gespräche und bewegten sich viel in freier Natur, förderten ihre Kreativität mit den Händen – etwa beim Bauen mit Legos – drückten einfach auf die Reset-Taste. In dieser Zeit haben sie gelernt, loszulassen und Nein zu sagen, einfach mal nichts zu tun und sich regelmässig Ich-Zeiten zu gönnen. Sie drückten auf die Reset-Taste und empfinden ihr Leben nach der Krise als «menschlicher und facettenreicher».

Michele Matt und Roman Schneider sind noch im Verwaltungsrat ihrer (einstigen) Unternehmen vertreten. Ersterer ist seit anderthalb Jahren Geschäftsführer vom Business Park Baselland (BP BL). Er berät und begleitet angehende JungunternehmerInnen beim Schritt in die Selbständigkeit. Letzterer hat mit «Schneider Coaching» in Pratteln eine eigene Firma gegründet, führt gemeinsam mit Karin Vollenweider über «Impulsus» Workshops durch und ist Mentor beim BP BL. Hiermit hat er seine(n) Beruf(ung) gefunden, wo er all seine Erfahrungen einbringen kann, u.a. für Situationen, die er selbst durchlebt hat.

Bericht: Kathrin Cuomo-Sachsse (KCS); Fotos: Martin Staub und KCS

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