Nachfolgen sind oft komplexe und emotionsgeladene Prozesse. Neben strategischen und finanziellen Aspekten spielen familiäre Konstellationen und rechtliche Fragen eine wichtige Rolle. Doch wie gehen angehende Unternehmerinnen damit um? Am Anlass «Mut zur Nachfolge – Frauen übernehmen» von der BLKB und dem Business Park Baselland Ende April in Basel erhielten die rund 40 Teilnehmerinnen auch anhand von praktischen Beispielen wertvolle Tipps.
Wie komplex und emotionsgeladen eine Unternehmensübernahme sein kann, schilderte Chantal Henz, Co-Geschäftsführerin und Miteigentümerin der Bischag AG in Laufen. Als Tochter bzw. weiblicher Nachfolger eines geachteten «Patrons» musste die 26-Jährige gegen Vorurteile in einer männerdominierten Arbeitswelt ankämpfen und sich Schritt für Schritt ihren Platz erobern.
Schon als Kind nahm sie ihr Vater überall hin mit in die Firma, die er 2006 zusammen mit zwei anderen langjährigen Mitarbeitern erworben hatte. Bischag vermietet, verkauft und (de-)montiert u.a. schwere Baukräne und beschäftigt 60 Mitarbeitende, darunter sieben Frauen. Das Baubusiness faszinierte Chantal Henz. Schon frühzeitig meldete sie ihr Interesse an einer Nachfolge an, biss dabei aber zunächst auf «Granit». Doch sie liess sich nicht unterkriegen und durchschritt einen steinigen Weg bis hin zur Wahrnehmung und Akzeptanz ihrer Person und Führungsposition in der Firma. Sie arbeitete viel und hart dafür und fühlte sich mit 23 Jahren total erschöpft. Zur Unterstützung zog sie Mentoren bei und überdachte sich und ihre Werte.
«Nachfolge ist Verantwortung, kein Titel»


Ihr Vater strukturierte das Unternehmen um – mit Führungskräften in den verschiedenen Bereichen – und erweiterte die Geschäftsleitung. Chantal Henz übernahm (zunächst) die Leitung der Verwaltung. Die ausgebildete Kauffrau fuchste sich ins Geschäft ein und durchlief bis heute viele Weiterbildungen: «Moderne Geschäftsführung ist kein Einzeljob, und Erfolg hängt nicht davon ab, das Technische selbst zu können», betont sie. Im Familienbetrieb arbeiten auch ihre Schwester, Mutter und ihr Partner. Seit 2025 teilt sie sich mit ihrem Vater die Geschäftsführung und betont: «Nachfolge ist kein Titel, sondern eine tägliche Verantwortung».
Dazu organisiert sich Chantal Henz sehr sorgfältig und gewissenhaft, geht rechtliche, finanzielle und operative Themen wie Aktionärs- und Arbeitsverträge, Reinvestitionen u.a.m. strukturiert an und trifft (zusammen mit ihrer Schwester) gut durchdachte Vorkehrungen. «Vertrauen in die Mitarbeitenden und in sich selbst sind das Wichtigste», sagt sie selbstbewusst. Heute muss sie sich auch nicht mehr beweisen. Hin und wieder gönnt sich die Hobby-Bikerin (sogar unter der Woche) eine Pause bzw. Auszeit.
Es geht um Menschen und ihre Gefühle
Dass Nachfolgeregelungen meist mit starken Emotionen verbunden sind, weiss auch Karin Vollenweider, Mentorin Business Park Baselland und Gründerin von IMPULSUS Workshops, aus Erfahrung: «Der Nachfolge-Prozess stockt selten aufgrund der fachlichen, sondern vielmehr aufgrund der menschlichen Komponenten.» Hinter Zahlen, Verträgen und Struktur steckt der unsichtbare Teil wie Rollen, Erwartungen, Vertrauen. Inhaber geben ihr Unternehmen ab, das sie mit viel Leidenschaft aufgebaut haben. Sie müssen loslassen und dabei auch eine neue Identität für sich finden. Derweil die Nachfolgenden neu Verantwortung und eine andere Rolle übernehmen. Für beide Parteien sollte es stimmen und «im Herzen muss es sich ebenfalls gut anfühlen», betont Karin Vollenweider. Auch das Team rundherum sollte Vertrauen aufbauen und sich umorientieren.
Hier lauern viele Stolpersteine wie Macht- und Loyalitätskonflikte. Und gerade bei der Übergabe von Vater zu Tochter bzw. von Mann zu Frau bedeutet es eine zusätzliche Herausforderung, aus den gewohnten Rollen in neue Funktionen zu wechseln, auf Augenhöhe zu agieren und sich nicht klein halten zu lassen. Man sollte auch nicht immer den «alten» Mindset des Vorgängers übernehmen. «Achtsamkeit, Selbstreflektion, viel Kommunikation, Zeit und Raum (auch für Emotionen)», lauten u.a. ihre Tipps im Nachfolge-Prozess. Und wichtig: «Holt euch bei Bedarf Hilfe.»
Für die Zukunft vorsorgen
Bei Übernahme und Aufbau einer Firma gilt es auch, deren Zukunft zu sichern. So kann der Ernstfall eintreten: Sei es die nach einem Unfall in Koma liegende und damit handlungsunfähig gewordene Unternehmerin mit zwei Kindern. Da sie keine Vollmacht und Vertretung hat, blockiert die Bank die Zahlungen, und sie wird zum Fall für die KESB. Sei es die Powerfrau, deren Unternehmen ihr Lebenswerk ist, das mit der Scheidung plötzlich zur Verhandlungsmasse wird. Dies zieht hohe Ausgleichszahlungen sowie Liquiditätsprobleme nach sich, weil sie keinen Ehevertrag mit ihrem Mann abgeschlossen hat…
Sibel Müller, Rechtsanwältin, und Fachleitung Nachlassplanung bei der BLKB, empfahl für solche Notfälle bzw. «Worst Cases» und in Fragen, etwa rund ums Erben, «die nötigen Vorsorgemassnahmen wie eine Nachlassplanung vorzunehmen».
Den optimalen Finanzierungs-Mix wählen
Weiter stellte Sibel Müller (anstelle von Melanie Lanfranchi, Finanzierungs-Spezialistin bei der BLKB), verschiedene Varianten mit ihren Vor- und Nachteilen vor: Beim «Asset Deal» erwirbt der Käufer einzelne Vermögensanteile, nimmt so weniger Risiken auf sich, aber der Verkäufer muss auf den Erlös Steuern zahlen. Während beim «Share Deal» der Verkaufserlös steuerfrei bleibt, der Käufer jedoch mit den Unternehmensanteilen (wie Aktien) alle Verbindlichkeiten übernimmt. Die Bankerin empfiehlt hier die Bildung einer Akquisitions-Holding, welche Unternehmensanteile kauft. Damit liessen sich Steuern und Privathaftung vermeiden.
«Wichtige Grundsätze sind, den optimalen Mix zu finden, die Nachfolge mit 50 bis 70 Prozent eines plausiblen Kaufpreises zu finanzieren und Kredite, Darlehen etc. für den übrigen Teil aus eigenen Mitteln in 5 Jahren zurückzuzahlen», erfuhren die rund 40 Teilnehmerinnen am Anlass im Hotel Victoria in Basel.
Den richtigen Nachfolge-Partner finden

Über ihre interne Firmenbörse unterstützt die BLKB seit Jahresbeginn Verkäufer und Kauf-Interessenten dabei zueinander zu finden.
Der Business Park Baselland hat im März eine kostenlose und öffentlich zugängliche Matchmaking-Plattform auf seiner Website lanciert, um UnternehmerInnen mit passenden NachfolgerInnen zusammenzubringen. Der «Nachfolgemarkt» (www.businesspark-bl.ch/nachfolgemarktplatz) stösst laut Geschäftsführer Michele Matt auf grosse Resonanz: Zurzeit sind im Portal 17 Inserate mit 8 Verkaufsangeboten und 9 Gesuchen, darunter auch von Frauen, aufgeschaltet. «UnternehmensnachfolgerInnen und -gründerInnen werden von uns persönlich begleitet und können dabei das (vom Kanton finanzierte) kostenlose Erstgespräch sowie Businessplan Coaching beanspruchen.»
Bericht: Kathrin Cuomo-Sachsse, Redaktion startup baselland